Auf das Abenteuer einlassen

8.8.15 09:05, kommentieren

Rezension: Inder radelt

Für Indienfreunde ein interessantes Buch: Kiepenheuer & Witsch, Per J. Andersson „VOM INDER, DER MIT DEM FAHRRAD BIS NACH SCHWEDEN FUHR, UM DORT SEINE GROSSE LIEBE WIEDERZUFINDEN“, Spiegel Best Seller, € 15

Ein spannendes Buch für Abenteuerfreunde. Als jemand, der auf dem gleichen Weg mit dem Fahrrad aufgebrochen ist, kann ich zu jedem Detail sagen: Das stimmt. Aber noch interessanter: Pikay ist ein Aadivasi, ein Ureinwohner des Wälder, und steht damit in der Kaste noch unter den Unberührbaren. Er findet schließlich seine Identität und kann seinen Weg dorthin recht und schlecht finanzieren durch sein Talent als Strassen- Portrait-Zeichner.

Das Interessante ist: Seine ursprüngliche „Unter-Kaste“ wurde von der Jahrtausende zurückliegenden Eroberung durch die Arier erzwungen. Eigentlich ist sein Volk heute gar niemand. Warum sind wohl die Zigeuner = Roma vor tausend Jahren von Indien ausgezogen? Die Pikay in der Schule vermittelte Geschichte ist die der arischen Eroberer. Es darf nicht einmal der Schatten eines Unberührbaren auf einen Brahmanen fallen. Was aber uns Indoeuropäer an Indien so anzieht, das ist die von den arischen Eroberern erfundene Yogakunst, und wir bewundern die Hochkultur und ihre alte Hindu-Weisheit.

Pikay's „große Liebe“, die Schwedin, pflegt auch nach ihrer Eheschließung mit Pikay die Yogaübungen und rezitiert heilige Sanskrit-Slokas. Während sie das tut, fühlt sich ihr „indischer“ Mann unbehaglich, denn für diese Hindu- Hochkultur sind ja seine Waldvölker minderwertig. PiKay hat auch gerne seinen nach Sanskrit klingenden Namen gegen die Anfangsbuchstaben PK getauscht: PiKay.

Wieder ein Beweis, dass wir Gandhi trauen können, denn er, Hindu durch seine Geburt, hat den Auswüchsen des Hindutums die Stirn geboten, und er ist schließlich von einem Erz-Hindu als Verräter am Hindutum erschossen worden. Die Meinung, dass es überhaupt „Unberührbare“ gibt, bringt jeder gläubige Hindu mit auf die Welt. So wollte auch Gandhis Ehefrau sich nicht seinem Diktat beugen, dass von nun an ein unberührbares Mädchen Teil der Familie zu sein habe. Es fiel ihr sehr schwer, mit einer Unberührbaren aus der selben Schüssel zu essen! Aber Gandhi scheute nicht den Ehestreit, weil er damit das Prinzip durchsetzte, dass diese elende Unberührbarkeit keinen Platz hat in seinem Umkreis.

Aufpassen! Ein Minister des jetzigen Premierministers Modi sagte, nur ein Hindu sei ein Inder. Indien ist von Nehru nämlich als säkularer, laizistischer Staat vieler Religionen gegründet worden. Trennung von Kirche und Staat wie in México, der Türkei, Indonesien und auch bei uns in Deutschland, Frankreich. Ungleich der Theokratie von Pakistan.

Manchmal klingt der Bericht über den tüchtigen Unberührbaren wie der über den Ur-Schelm „Lazarus von Tormes“ im Spanien von 1554, wo ein (sehr wahrscheinlich) jüdischer Junge sich trotz Staatskirche durchschlägt und sich dabei mit den Begriffen der ihn unterdrückenden Inquisition seiner Zeit artikulieren muss. Lazarillo de Tormes kommt nie zum Er- und Bekennen seiner Identität, während Pikay, unser radelnder Unberührbarer, ein selbstverwirklichter Schwede wird. In seinem Dorf in Indien wäre er ein Herr Niemand geblieben.

1 Kommentar 31.7.15 10:57, kommentieren


Werbung